Dienstag, 29. Oktober 2019

31. Sonntag i. Jkr. - Lj. C

Liebe Brüder und Schwestern!

Die Geschichte vom Zöllner Zachäus, der auf einen Baum klettert um Jesus zu sehen, ist den meisten von uns wahrscheinlich sehr vertraut. Ich denke, es lohnt sich aber trotzdem, sich die Szene nochmals vor Augen zu führen.
Da ist die Stadt Jericho, eine Stadt, in der sich eine große Menschenmenge sammelt, um die Wallfahrt nach Jerusalem anzutreten.
Und da ist der Oberzöllner Zachäus, ein von vielen gehasster und gemiedener Mann. Immerhin arbeitet er 1. mit der feindlichen römischen Besatzungsmacht zusammen und wird er 2. sicher auch mehr Zoll eingenommen haben als vorgesehen war. Wenn man Zachäus kommen sieht, wendet man den Blick von ihm ab. Mit so einem Menschen will man nichts zu tun haben!

Doch Zachäus ist heute gar nicht das Gesprächsthema in Jericho. Man hat Gerüchte gehört, dass Jesus von Nazaret auf dem Weg nach Jerusalem ist und in Jericho durchkommen muss. Von Jesus hat man auch in Jericho schon viel gehört und so verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer in der Stadt: Jesus von Nazaret ist auf dem Weg hierher. Die Menschenmenge ist gedrängt auf den Straßen, alle sind neugierig, wollen diesen inzwischen berühmten Wundertäter sehen. Am Ende könnte er vielleicht gar der Messias sein, der in Jericho seine Truppen sammelt, um Jerusalem von der römischen Besatzungsmacht zu befreien! Kurz gesagt: Ganz Jericho ist auf den Straßen.

Auch Zachäus hat schon so einiges von Jesus gehört. Auch ihn packt die Neugier. "Er suchte Jesus, um zu sehen, wer er sei", heißt es im Evangelium. Wer ist dieser Jesus, wegen dem alle aus dem Häuschen sind? Was hat es mit ihm auf sich?
Zachäus ist ein kleinwüchsiger Mann; und man kann sich vorstellen, dass er versucht, durch die Menschenmenge zu kommen, sich in die "erste Reihe" zu drängen. Aber Zachäus wird von den Menschen ignoriert und nicht vorgelassen. Warum sollte man den verhassten Zöllner auch durchlassen? Doch Zachäus ist fest entschlossen: Ich möchte diesen Jesus sehen. Also klettert er auf einen Baum, von wo aus er gute Sicht auf die Straße hat.

Und siehe da: Das Gerücht ist wahr. Jesus kommt tatsächlich nach Jericho. Laute Jubelrufe heißen ihn willkommen, alle Augen sind auf ihn gerichtet. Was wird er wohl tun? Wird er auch in Jericho Kranke gesund machen? Oder wird er tatsächlich eine Armee zusammenstellen? Alles schaut gespannt auf Jesus.
Und Jesus? Wohin schaut er? Wohin geht sein Blick? Er scheint einen ganz bestimmten Punkt fixiert zu haben.

Liebe Brüder und Schwestern!
Wir kennen das Phänomen: Wenn jemand in die Ferne blickt, etwa vom Buchberg hinunterblickt nach Maria Anzbach und dort einen Punkt fixiert, dann schauen auch andere bald wie von selbst dorthin.
So wird es auch in Jericho gewesen sein.
Was hat Jesus im Blick? Was hat ihn so angerührt, dass sein Blick geradezu erstarrt ist? - Also schaut auch die ganze Menschenmenge bald in diese Richtung. Und was sehen sie? Den verhassten Oberzöllner Zachäus! Den schaut Jesus an.

Liebe Brüder und Schwestern!
Was mag das wohl für Zachäus bedeutet haben. Sonst schaut ihn keiner an, sonst wird er von allen gemieden. Und jetzt sind auf einmal alle Augen auf ihn gerichtet.
Was werden das für Blicke gewesen sein, die ihn da getroffen haben?
Ratlose Blicke: Was will Jesus denn ausgerechnet von dem?!
Anklagende Blicke: Warte nur, jetzt wird dir Jesus bestimmt die Leviten lesen!
Schaulustige Blicke: Schaut euch dieses armselige Männlein an; er muss sogar auf einen Baum klettern, um etwas zu sehen!

Doch für Zachäus ist nur ein Blick entscheidend gewesen: der Blick Jesu. Der, den er gesucht hat; den er sehen wollte, der schaut ihn nun an. Ganz ruhig, unaufgeregt, unvoreingenommen, liebevoll, aber doch konzentriert und bestimmend.
Und diesen Blick bringt Jesus dann noch ins Wort: "ich muss heute in deinem Haus bleiben".

Liebe Brüder und Schwestern!
Ich möchte aus der uns bekannten Erzählung von Zachäus diesen einen Aspekt herausgreifen: Unter den vielen Blicken, die uns treffen, den Blick Jesu auf uns wahrzunehmen.
Auch wir werden von vielen Menschen betrachtet und machen uns Gedanken, ob wir bei ihnen gut angesehen sind.
Da mag es Blicke geben, die uns sehr kritisch beobachten, die nur darauf warten, dass wir einen Fehler machen.
Da gibt es sicher auch liebevolle Blicke.
Da gibt es hilfesuchende Blicke.
Kurz: Wir stehen oft irgendwie unter Beobachtung; und es kann wichtig sein, auf die verschiedenen Blicke einzugehen, die uns treffen. Den Blick des Hilfsbedürftigen dürfen wir nicht einfach unbeantwortet lassen; den Blick eines liebenden Menschen werden wir wahrscheinlich gerne erwidern; und auch kritisch beobachtende Blicke können manchmal heilsam für uns sein.

Doch wir sind eingeladen, auch den Blick Jesu auf uns wahrzunehmen. Er schaut uns an, durchdringt uns mit seinem Blick ganz und gar, nimmt nicht nur Ausschnitte von uns wahr, sondern unser ganzes Sein.
Und er sagt mit seinem Blick auch zu uns: "Ich muss heute in deinem Haus bleiben" - Ich will dir nahe sein.

Liebe Brüder und Schwestern!
Zachäus hat der Blick Jesu nicht kalt gelassen. Er hat sein Leben geändert: "Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück."
Der Blick Jesu auf uns darf uns auch nicht kalt lassen. Wenn ich von Jesus angeschaut werde, wenn ich ihn anschaue: Was erwartet er dann von mir?

Ein konkreter Vorschlag: Vielleicht können Sie heute bei der Wandlung, bei der Erhebung von Leib und Blut Christi, daran denken: Ich darf zu Jesus aufschauen. Jesus ist da und schaut mich an. Jesus, was willst du mir mit deinem Blick sagen?


Zu den liturgischen Texten

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