5. Ostersonntag - Lj. A
Liebe Brüder und Schwestern!
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
Ein Satz, den wir oft gehört haben; vielleicht so oft, dass er uns gar nicht mehr überrascht. Und doch: Wenn man ihn ernst nimmt, ist er ungeheuer kühn. Jesus sagt nicht: Ich zeige euch einen Weg. Er sagt nicht: Ich lehre euch die Wahrheit. Er sagt nicht: Ich bringe euch Leben. Er sagt: Ich bin.
Drei Worte - Weg, Wahrheit, Leben - und jedes öffnet eine eigene Welt.
1. „Ich bin der Weg“
Ein Weg ist etwas, auf dem man geht. Einen Weg zu gehen, setzt Bewegung voraus. Wer auf einem Weg ist, der ist unterwegs, der ist noch nicht angekommen.
Vielleicht kennen wir das: Man steht an einer Weggabelung im Leben - eine Entscheidung, eine Unsicherheit, ein offenes Wohin. Und dann wünscht man sich oft einen klaren Plan, eine Karte, eine sichere Anleitung.
Aber Jesus gibt keinen Plan. Er gibt sich selbst.
Das heißt: Christsein ist nicht zuerst ein System von Regeln oder ein fertiges Konzept. Es ist Unterwegssein mit einer Person.
Auf dem Weg Jesu gehen – das bedeutet: sich in seine Richtung stellen, seine Schritte aufnehmen, auch wenn man noch nicht alles überblickt. Der Weg ist dynamisch. Er fordert Vertrauen.
2. „Ich bin die Wahrheit“
Ganz anders die Wahrheit: Sie bewegt sich nicht. Wahrheit ist das, was trägt, was gilt - unabhängig davon, ob ich es gerade fühle oder verstehe.
Wir leben in einer Zeit, in der vieles relativ geworden ist. Was heute gilt, kann morgen schon anders gesehen werden. Meinungen wechseln, Perspektiven verschieben sich. Und mitten hinein sagt Jesus: Ich bin die Wahrheit. Das heißt: In ihm stimmt alles überein - Wort und Wirklichkeit, Zusage und Sein. Er ist verlässlich. Er ist nicht wechselhaft. Er ist nicht abhängig von Stimmungen.
Wenn wir uns an ihm orientieren, dann haben wir einen Maßstab, der nicht verrutscht. Die Wahrheit ist das Statische - nicht im Sinne von unbeweglich, sondern im Sinne von tragfähig, verlässlich, richtungsweisend.
3. „Ich bin das Leben“
Und dann das Dritte: das Leben.
Was ist Leben? Auf jeden Fall ist es mehr als bloßes Funktionieren. Mehr als Atmen, Arbeiten, Tun. Leben ist dort, wo etwas lebendig wird, wo es Sinn bekommt, wo es aufblüht.
Vielleicht kann man sagen: Leben ereignet sich dort, wo Weg und Wahrheit zusammenkommen. Wo ich unterwegs bin - nicht stehen bleibe - und zugleich eine Richtung habe, die trägt. Wo ich mich bewege - aber nicht ins Beliebige hinein, sondern auf ein Ziel zu.
Wo Dynamik und Verlässlichkeit einander begegnen, kann unser Leben gelingen. Und genau dort ist Jesus.
Was heißt das für uns?
Vielleicht,
- dass wir nicht alles fertig haben müssen;
- dass wir nicht jede Antwort kennen müssen;
- dass unser Glaube nicht darin besteht, schon angekommen zu sein.
Sondern darin, auf dem Weg zu bleiben - mit Christus.
Uns an seiner Wahrheit auszurichten - auch dann, wenn vieles unsicher erscheint.
Und so Schritt für Schritt in ein Leben hineinzuwachsen, das wirklich Leben ist.
Liebe Brüder und Schwestern!
Jesus sagt nicht: Sucht euch euren Weg, eure Wahrheit, euer Leben. Er sagt: Ich bin es.
Das ist keine Einschränkung, sondern eine Einladung, nicht alles selbst tragen zu müssen, sondern sich anzuvertrauen
- dem, der Weg ist - damit wir gehen können;
- dem, der Wahrheit ist - damit wir nicht irregehen;
- dem, der Leben ist - damit wir wirklich leben.

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